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Regionalentwicklung - Kritik einer IWG-Studie von 1990

 

 

Dirk Gerdes

 

Regionalentwicklung
oder:
Ist bei den Ostfriesen Hopfen und Malz verloren?

(erschienen in: Ostfriesland-Journal Nr. 4 / 21. Jahrgang, April 1990, S. 9-11; vgl.: http://www.landschaftsverband.org/dokumente/loccum/)

 

 

Vor einigen Monaten kam bei Politikern und hohen Verwaltungsbeamten Ostfries­lands Unruhe auf: Eine umfangreiche Studie des vom konservativen Querdenker Kurt H. Biedenkopf gesteuerten Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) Bonn war erschienen. Titel: „Der Einfluß außerökonomischer Faktoren auf die Beschäftigung - dargestellt an den Arbeitsamtsbezirken Leer und Balingen“. Die Aussagen dieser Studie bergen nach Meinung Peter Adenas (GAG Norden) für unsere Region „eine ungeheure Sprengkraft“ (OZ, 8.7.1989).

 

Peter Adena hat Recht. Die Brisanz der Studie - leider nicht im Buchhandel erhältlich - liegt in der Ausgangsfrage, die den Technokraten des Wirtschaftswachstums heute mehr und mehr Kopfschmerzen bereitet: „Warum bleibt trotz moderater Löhne, sin­kender Energiepreise, munterer Investitionen und Gewinne ein immer größerer So­ckel von Menschen zurück, die dennoch keine Stelle finden? Gibt es neben den Kosten und anderen Wirtschaftsdaten noch andere Faktoren, die darüber entschei­den, ob und wo neue Arbeitsplätze entstehen?“

Auf diese treffende Kurzfassung bringt Peter Gillies (DIE WELT, 8.6.89, S. 3) zugleich auch das komplexe Untersuchungsprogramm des IWG - ein Untersu­chungsprogramm, dessen Ergebnisse erstmals in Form „harter Daten“ die Vermu­tung bestätigten, daß regionale Wirtschaftspolitik ohne Beachtung kultureller Kon­texte einem blinden Huhn gleicht, das Eier nur solange legen kann, wie es im Futter schwimmt. 

Das „Futter“, sprich: die finanziellen Mittel, die bisher für eine gezielte politische Be­einflussung regionalwirtschaftlicher Entwicklungsprozesse eingesetzt werden (kön­nen/sollen), ist knapp geworden und wird noch knapper werden. Regionalpolitik als Subventions- oder verkappte Sozialpolitik ist Schnee von gestern. Die Frage muß also lauten: Wie gibt man dem Huhn seine Sehkraft wieder? Oder anders: Wie wird aus blinder regionaler Wirtschaftspolitik eine Politik umfassender Regionalentwick­lung, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte als Einheit betrachtet? Iro­nischerweise trägt die IWG-Studie zur Beantwortung dieser Frage bei, obwohl ihre Auftraggeber daraus nur eine Bestätigung für ein Vorurteil herausgelesen haben. Für das Vorurteil nämlich, daß es sich nicht lohne, Ostfriesland mit Geld vollzupumpen, weil „außerökonomische Faktoren“, d. h. die „Mentalität“ und die regionalkulturellen Eigenheiten der Ostfriesen, dieses Geld ohne wirtschaftliche Struktureffekte versi­ckern ließen:

„Anders als im Süden sind im ostfriesischen Raum (…) von außerökonomischen Faktoren kaum Beschäftigungsimpulse zu erwarten. Moderne Industriegesellschaften bauen auf bestimmten Grundsätzen auf: individuellem Leistungsstreben, Wettbe­werb, klaren Organisationsstrukturen, fortwährenden Neuerungen, ständigem Wan­del, hoher Mobilität und Flexibilität und einem sorgfältig abgestimmtem Zusammen­spiel zwischen Wirtschaft und Staat. (...) Die ostfriesische Region genügt den Grundsätzen moderner Industriegesellschaften, gerade auch imBereich außeröko­nomischer Faktoren nur bedingt.“ (Kurzfassung S. 41/42, Hervorhebungen: D. G.).

Wie werden diese „vernichtenden“ Aussagen nun im einzelnen belegt? Auch hier lohnt sich ein vergleichender Blick, diesmal aber auf die unterschiedlichen Ergebnis­interpretationen in der vom Leiter des IWG, Meinhard Miegel, für politische Zwecke redigierten Kurz- und in der von zwei Sozialwissenschaftlern ausgearbeiteten Lang­fassung.

 

Sind die Ostfriesen leistungsfeindlich?

Daß den Ostfriesen im Unterschied zu den Balingern das „arbeitskulturell“ heute notwendige individuelle Leistungsstreben und Wettbewerbsbewußtsein fehle, wird mit den Ergebnissen von Einstellungsmessungen belegt, in denen scheinbar unter­schiedliche persönliche Lebensauffassungen zum Vorschein kommen: Sollen die Ostfriesen beispielsweise zwischen der unterschiedlichen Berechtigung der beiden Sprüche „Jeder ist seines Glückes Schmied (...)“und „Tatsächlich ist es so, daß die einen oben sind und die anderen sind unten (...)“ wählen, so entscheiden sie sich nur zu 38% für den Spruch von der privaten Glücksschmiede. Die Balinger Schwaben dagegen scheinen mehrheitlich (57 %) fest von ihren individuellen Aufstiegschancen überzeugt zu sein (vgl. Kurzfassung, S. 35).

 

Schaut man in die Langfassung, so stellt man fest, daß dieser frappierende Unter­schied zum großen Teil darauf beruht, daß viele Ostfriesen sich einfach weigern, ohne weiteres zwischen diesen beiden simplen Alternativen zu wählen: 31 % verwei­gern eine klare Antwort (vgl. Graphik S. 169, Langfassung). Vergleicht man weiter nach Konfessionen, so stellt sich heraus, daß die Protestanten im Arbeitsamtsbezirk Leer (der ja auch Teile des katholischen Emslandes umfaßt) ebenso wie die Protes­tanten im Balinger Raum sich gleichermaßen zu 32 bzw. 33 % durch gesellschaftli­che Schichtungsstrukturen in ihrem individuellen Leistungsstreben eingegrenzt füh­len. Die Unterschiede reduzieren sich also weitgehend auf die katholischen Bevölke­rungsteile der beiden Arbeitsamtsbezirke und sagen somit nichts über die Ostfriesen aus. Ähnlich einseitig werden in der Kurzfassung auch andere Befragungsergebnisse zu einem Bild der „industriegesellschaftlich“ vermeintlich leistungsfeindlichen Ostfrie­sen zugespitzt. Dies geht so weit, daß sogar völlig schiefe Behauptungen aufgestellt werden: 49 % aller im Arbeitsamtsbezirk Leer Befragten geben familiären bzw. pri­vaten Interessen Vorrang vor beruflichen Anforderungen, in Balingen sind es ledig­lich 5 % weniger. Trotzdem wird dieser Unterschied als ein Beleg für die Leistungs­feindlichkeit der Ostfriesen zitiert. Schaut man sich die Zahlen genauer an, kehrt sich das Bild völlig um: Unter den bei dieser Fragestellung ausschlaggebenden Erwerbs­tätigen und Arbeitssuchenden entscheiden sich im Leeraner Bereich lediglich jeweils 27 % für das Privatisieren, im Balinger Raum sind es dagegen 31 bzw. 35%.

 

Was soll man von einer Darstellung empirischer Befunde halten, die für die politische Meinungsbildung solche entscheidenden „Feinheiten“ unterschlägt?

 

Sind die Ostfriesen unflexibel und innovationsfeindlich?

Eine Reihe interessanter Befunde der IWG-Studie tauchen in der Kurzfassung nur unter „Ja-aber-Vorbehalten“ auf: Sie werden in ihrer Bedeutung heruntergespielt, weil sie nicht in das Bild der „leistungsfeindlichen“ Ostfriesen passen.

 
Hierzu gehören die Antworten auf neun Fragen an Arbeitslose, was sie im einzelnen alles in Kauf nehmen würden, um wieder Arbeit zu bekommen. Die Ostfriesen (außer Emsland) sind demnach mehrheitlich bereit, die Branche zu wechseln, weite Wege in Kauf zu nehmen, mit weniger Verdienst auszukommen, eine andere Tätigkeit auszu­üben, mit einer schlechteren beruflichen Position zufrieden zu sein, ungünstigere Arbeitszeiten in Kauf zu nehmen, eine weniger interessante Tätigkeit als bisher an­zunehmen und sogar u. U. unangenehmere Arbeiten zu yerrichten. Diese Flexibilität ist bei den Ostfriesen weitaus ausgeprägter als bei den Arbeitslosen im Balinger Raum. Nur eine Möglichkeit, der Umzug, wird eindeutig abgelehnt - und in der Studie entsprechend herausgestrichen! Vorbild wieder einmal: die Schwaben!

 

Nur, was heißt Umzug für einen befragten Ostfriesen, und was heißt dasselbe Wort für einen Balinger? Balinger finden, wenn sie wollen, in Reutlingen, Ravensburg, Konstanz oder Stuttgart einen Arbeitsplatz: Umzug heißt, im „Schwabenländle“ zu bleiben! Ostfriesen assoziieren mit Umzug Stuttgart. Würde man die Balinger fragen, ob sie in 30 Jahren in ein prosperierendes Ostfriesland umziehen würden, wären die Antworten mindestens ebenso ablehnend wie die der Ostfriesen heute.

Bleibt noch der Vorwurf der Innovationsfeindlichkeit, der mit einem Umfrageergebnis belegt wird, nach dem im Bereich Leer 72 % eine Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Neue Technologien befürchten, während dies im Balinger Raum nur 42 % als Gefahr ansehen (Kurzfassung, 5. 39).

 
Abgesehen davon, daß diese Befürchtung in einer wirtschaftlich abhängigen Rand­region wesentlich begründeter ist als in Balingen - wie wären diese Antworten wohl ausgefallen, wenn BIZERBA als wichtigster Arbeitgeber in Balingen vor einigen Jah­ren, wie damals gemunkelt wurde, wirklich Konkurs gemacht hätte, weil diese Firma den technologischen Wandel fast verschlafen hätte? Und wie kommt es, daß das VW-Werk Emden unter allen VW-Standorten die höchsten Pro-Kopf-Ausschüttungen für innerbetriebliche Verbesserungsvorschläge verzeichnet? Ergebnis: Auch hier wird behauptet, etwas gemessen zu haben, was so nicht zu messen ist!

 

Sind die Ostfriesen desorganisiert?

Oberflächlich und einseitig interpretiert wird an vielen weiteren Stellen der Kurzfas­sung. Der Platz reicht nicht aus, dies im einzelnen auszuführen. Aber einige Aussa­gen halten auch einer näheren Betrachtung stand. Dazu gehören die Befunde, die eine große Unzufriedenheit der Ostfriesen mit ihren Repräsentanten in Wirtschaft und Politik bezeugen.

In wesentlich geringerem Maße bescheinigen die Ostfriesen im Vergleich zu den Ba­lingern ihrer regionalen Unternehmerschaft Weitblick, Erfindergeist, Leistung und Verantwortungsbewußtsein (Langfassung, S. 355) - ein Urteil übrigens, das in einer separaten Unternehmerbefragung selbst von den Betroffenen im wesentlichen bes­tätigt wird (Langfassung, S. 373, 375, 377)!

Bei einer Einschätzung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Industriean­siedlungen in der Region fällen die Ostfrjesen (ohne Emsland) im Unterschied zu den Schwaben vernichtende Urteile über die regionalen Wirtschaftsförderprogramme, die Hochschulausbildungsmöglichkeiten, die Wirtschaftspolitik der Landesregierung und über die politische Führung in der Region (Langfassung, S. 200 f). Entsprechend deutlich wird in Ostfriesland von 69 %, im Emsland nur von 38 % und im Balinger Raum von 41 % der Befragten primär der Staat für die Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht (Langfassung, S. 314). Die Kurzfassung spitzt diesen Befund wieder zu der Negativaussage zu, daß die Ostfriesen sich mit dieser Einstellung vor ihrer persönli­chen Verantwortung drücken (S. 35), obwohl wenige Seiten weiter überdeutlich ge­sagt wird: „Die insgesamt schwache politische Führung im Norden hat dort zu erheb­lichem Kompetenzstreit, Subventionswirrwarr und zunehmender Resignation geführt. Die Beschäftigungssituation wird dadurch weiter beeinträchtigt. Neu ist diese Situa­tion jedoch nicht. Sie ist in der Geschichte dieser Region immer wieder anzutreffen.“ (S. 38/39).

In erschreckender Weise paßt ein Befund, der für Demoskopen bei der Einschätzung der Vitalität von Gruppen, Organisationen, Regionen und selbst ganzer Staaten im­mer ein alarmierendes Zeichen ist: Während die Erwerbstätigen nicht nur in Balin­gen, sondern auch in Ostfriesland, ihre gegenwärtige persönliche Wirtschaftslage mehrheitlich (67 und 62 %) als „gut“ beurteilen, wird die wirtschaftliche Lage der je­weiligen Heimatregion nur von 7 % der Ostfriesen (!),aber von 69 % der Schwaben ähnlich positiv gesehen (Langfassung, S. 179).

 

 

Fazit dieses Blicks hinter die Kulissen einer brisanten Studie:

Das Negativimage Ostfrieslands ist, wie die IWG-Studie zu Recht herausstreicht, nicht allein auf rein wirtschaftliche Rahmenbedingungen, sondern mindestens ebenso gewichtig auch auf Einstellungen, Werthaltungen und eingeschliffene Ver­haltensweisen, auf kulturelle Faktoren also, zurückzuführen. Die Ursachen von Ar­beitslosigkeit sind auch in diesen „außerökonomischen Faktoren“ zu suchen.

Eine verbreitete Resignation und „kollektive“ Lähmung durchdringt das Bewußtsein der Ostfriesen - bis hin zu einer schon fast verzweifelt zu nennenden Konzessionsbe­reitschaft und Flexibilität, wenn es um die Suche nach einem Arbeitsplatz geht. Diese Einstellung findet ihre Bestätigung und immer wieder neue Nahrung auf einer Ebene, die für das erfolgreiche Management und die gesellschaftliche Dynamik moderner Industriegesellschaften auch im regionalen Rahmen entscheidend ist: Im Bereich der regionalen und kommunalen politischen Interessenvertretung (Konkurrenz statt Kooperation), in den Defiziten bei der Formu­lierung und Umsetzung einer kohärenten regionalen Wirtschaftspolitik („Kompetenz­streit“, „Subventionswirrwarr“) und in gravierenden Mängeln bei der gezielten Durch­setzung von Innovationen sowohl auf einzelbetrieblicher als auch auf Verwaltungs- bzw. Kammer-Ebene (Langfassung, S. 216 ff).

 

Angesichts dieser desolaten Ergebnisse kann die Hoffnung, die die IWG-Studie mit ihren Hinweisen auf innovatorische Keimzellen (z. B. FHO Emden, GAG Norden) und auf den hohen Anteil junger Unternehmer (Langfassung, S. 218 ff) andeutet, zumin­dest kurzfristig nur begrenzt Trost spenden.

Was bei genauerem Hinsehen auf die Daten der Studie in sich zusammenfällt, sind Behauptungen der politisierten Kurzfassung, in denen das negative Ostfriesen-Bild auf die Bevölkerung insgesamt übertragen wird. Auch unter konventionellen indust­riewirtschaftlichen Standards können sich die Ostfriesen „arbeitskulturell“ durchaus mit den Schwaben messen. Darüber hinaus gibt die Studie aber noch etliche Hin­weise auf regionalkulturelle Werthaltungen und Einstellungen, die Züge einer in die Zukunft weisenden „postindustriellen“ Gesellschaft aufweisen, obwohl diese in der IWG-Studie und erst recht auch bei einigen ostfriesischen Führungskräften lediglich als Traditionsballast angesehen werden. Dabei kann es zu paradoxen Konstellatio­nen kommen, denen im nächsten Beitrag nachgespürt werden soll.