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Regionalkultur- Vom stetigen Wandel des Vertrauten

 

Dirk Gerdes

Regionalkultur - Vom stetigen Wandel des Vertrauten

(erschienen in Ostfriesland-Journal 2/1990, S. 58 – 59)

 

"Das neue Interesse an der Kultur" - so lautete das Thema einer großangelegten Tagung, zu der vor etwas mehr als einem Jahr die renommierte "Kulturpolitische Gesellschaft" und die Universität nach Oldenburg einluden. Im Mittelpunkt dieser Tagung stand die Aneignung ehemals "progressiver" kulturpolitischer Thesen und Taten der 70er Jahre durch "konservative" Politiker der späten 80er Jahre: "Gegen den Willen der Konservativen vor Ort haben Sozial-Liberale in den 70er Jahren Modernisierungen in allen Kulturbereichen durchgesetzt. Auf diese Modernisierungen bauen konservative Stadtregierungen heute auf" (Detlef Hoffmann).

Das neue Interesse an der Kultur wird so zum Verwirrspiel von politischen Positionen, deren Verortung im herkömmlichen Koordina­tensystem von "rechts" und "links", von "Konservatismus" und "Fortschrittlichkeit", immer schwerer fällt: die Konservativen von gestern sind die "Modernisierer" von heute, die Progressiven der 70er sorgen sich um die Bewahrung eigenständiger, zur Not auch "provinzieller" Kulturinseln und Alltagsorientierungen, die heute - so Habermas - der Gleichschaltung durch Macht und Markt zum Opfer zu fallen drohen.

 Also doch wieder klare Fronten? Keineswegs! Vor allem dann nicht, wenn es konkreter wird. Und konkret wird es, wenn es um Regional­kultur geht, zumal um die der eigenen Region.

 Hier reizt die kürzlich vom Ostfriesland Journal angezettelte Aus­einandersetzung mit Detlef Hartlap vom Ostfriesland Magazin (OMA) zur Wortmeldung. Nicht, um einen sich abzeichnenden Streit zu schlich­ten, sondern um die grundsätzlichen Positionen deutlicher zu machen, die sich hinter dieser Kontroverse verbergen könnten, wenn man das wörtlich nimmt, was bisher geschrieben wurde.

Hartlap hatte sich im letzten November-Heft von OMA in seiner unnachahmlich urteilsstarken, oft aber nicht hinreichend infor­mierten journalistischen Rhetorik mit den vorweggenommenen Ergeb­nissen des gerade von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligten Projekts der Oldenburger Sozialgeographen um Prof. Dr. Rainer Krüger auseinandergesetzt, um diesen achselzuckend vergeb­liche Liebesmüh zu bescheinigen. "Realist" als der er sich gibt, sortierte er mit wenigen Handgriffen den komplexen Gegenstand des Forschungsprojekts nach Art der Katastrophenmedizin in "überle­bensfähig" und "todgeweiht" - zu letzterem auch das ostfriesische Platt rechnend. Seine wichtigsten Selektionskriterien: Konkurrenz- und Exportfähigkeit, zu deutsch: Marktreife im Sinne der "volkstümlichen Hitparade", mit der dann einstmals das Bogenmachen in Bayern vielleicht ebenso populär werden wird wie das Jodeln der "Ostfriesischen Bergvagabunden" hierzulande.

In der Tat - soweit könnte es kommen, wenn sich das Kulturmanage­ment des "Ostfriesenabiturs", das bekanntlich seine Kreativ-Zen­trale in Hamburg hat, eine Export-Abteilung für Bayern zulegen sollte. Die Kulturindustrie ist ständig auf der Suche nach markt­reifen Originalitäten, die sich modisch herausputzen lassen. Sie lebt, wie die Mode, von der "ewigen Wiederkehr des Neuen", wie Walter Benjamin dies Mitte der 50er Jahre einmal auf den Begriff brachte (damals waren die Fronten ja noch so schön "übersicht­lich"!).

Aber ist es das, worum es den Oldenburger Wissenschaftlern, worum es vor allem aber wohl uns Ostfriesen, geht und gehen kann? Das trotzige Editorial des Ostfriesland Journals vom Dezember steigt voll ein in die Kontroverse um den Stellen-"Wert"(?) des "Urigen, Eigenartigen, Liebenswerten, Originellen in der Geschichte der Regionalkultur Ostfrieslands" und schreibt Hartlap ins Stammbuch: "Wer mit kaltem Herzen Regionalkultur belächelt, sollte wenigstens mit klarem Kopf begreifen, wovon er redet." Regionalkultur ist für das Journal ein Sammelbegriff für regionaltypische "menschliche Lebens- und Ausdrucksformen", deren Verteidigung nichts mit "Tümelei" und dem "Interesse, 'die gute alte Zeit', zu konservie­ren" zu tun habe.

 Mit dieser Positionsbestimmung grenzt das Journal sich nicht nur gegen Hartlap ab, der vorschnell dem Untergang weiht, was schein­bar nicht mehr in die heutige Zeit paßt. Es distanziert sich auch von einem Konservativismus, der regionalkulturelles Brauchtum bewahren will, ohne zu akzeptieren, daß regionalkulturelle Beson­derheiten im Alltag der Gegenwart ganz neue Funktionen und Bedeu­tungen annehmen können und müssen, wenn sie lebendig bleiben sollen. Letzterem würde Hartlap sicherlich zustimmen können.

Hier wird die Gratwanderung deutlich, zu der eine Verteidigung regionalkultureller Eigenständigkeit führt, die sich dem Modediktat der "ewigen Wiederkehr des Neuen" verweigert, ohne damit zugleich auch die "ewige Wiederkehr des Gestrigen" zu predigen: Regionalkultur wird zur Folklore, wenn sie nicht mehr die besonde­ren Einstellungen und Verhaltensweisen ausdrückt, die auch das Alltagsleben der Menschen einer Region prägen. Folklorisierung heißt, daß nur die Hülle bleibt, der Inhalt aber verlorengeht. Ob modisch angepaßt und vermarktet oder in veraltete Formen eingefro­ren und verteidigt - beide Versionen, mit Regionalkultur umzuge­hen, pflegen diese zu Tode. Genau diese schwierige Position zwischen alten Fronten scheint das Editorial des Ostfriesland Journals besetzen zu wollen.

Die Oldenburger setzten schnell nach: schon im Januarheft des Journals zeigte Rainer Krüger seinen Ärger über die "hellseheri­sche Vorwegnahme der Ergebnisse" des Oldenburger Projekts durch Hartlap und enthüllt nebenbei, daß der profilierte Kommentar des OMA-Chefredakteurs wohl wieder einmal nur die schnelle Lektüre der ostfriesischen Tageszeitungen zur Grundlage hatte.

Wichtiger als Krügers Ärger über Hartlap und wichtiger auch als die kleinen Schönheitsfehler, die zeigen, daß die Oldenburger gerade erst anfangen, sich mit Ostfriesland zu beschäftigen, sind jedoch die positiven Aussagen zu Sinn und Zweck des Oldenburger Forschungsprojekts: "In Ostfriesland ginge es um die Frage: Inwie­weit können überkommene oder wiederzuentdeckende lokale Berufe in Verbindung mit neuen kreativen Arbeits- und Lebensformen sowie mit zahlreichen Aktivitäten im sozialen und kulturellen Bereich vor Ort zu Ansatzpunkten zusätzlicher Existenzsicherung und besserer Lebensgestaltung werden? (...) (Wie das) Plattwalzen Ostfrieslands von außen und von oben durch die Stärkung des Wissens um den Wert eigener Lebensqualität verhindert werden kann, ist Motivation und Fragestellung unserer Forschungsarbeit in Ostfriesland."

Neu ist diese Fragestellung keineswegs (die DFG fördert keine wissenschaftlichen Außenseiter!): In der Regionalentwicklungsfor­schung hat man seit langem die kulturelle Kreativität und Eigen­ständigkeit einer Region als wichtigen Treibsatz der Entfaltung des "endogenen Potentials" regionaler Entwicklungsmöglichkeiten erkannt.

Da geht es dann nur am Rande um die Pflege liebgewonnener und liebenswerter Sitten und Gebräuche: Sie können einer Region nach außen Unverwechselbarkeit und gegebenenfalls ein attraktives Image verschaffen. In der isolierten Selbstdarstellung nach außen stehen sie aber - siehe oben - ständig in der Gefahr, zur modi­schen Unterhaltungsware herabgestuft zu werden: die bayrische Export-Folklore hat mit Regionalkultur im hier gemeinten Sinne nichts mehr zu tun.

Lebensqualität, Kreativität, Existenzsicherung, das sind die magi­schen Begriffe, die das "neue Interesse" von Wissenschaft und Politik nicht nur an Kultur generell, sondern gerade auch an Regionalkultur begründen. Begriffe, die auf den ersten Blick scheinbar wenig mit dem "Urigen, Eigenartigen, Liebenswerten, Originellen der ostfriesischen Regionalkultur zu tun haben. Zugleich auch Begriffe, die nicht eindeutig den alten "rechten" oder "linken" Positionen zuzuordnen sind und von daher Verwirrung schaffen können.

Diese "Verwirrung" kann für die Region nur von Vorteil sein: sie bündelt Kräfte, wo nach herkömmlichen Maßstäben Konkurrenz herr­schen müßte. Das "Wissen um den Wert eigener Lebensqualität" stärkt das Selbstbewußtsein jedes Ostfriesen. Selbstbewußtsein ist die Voraussetzung von Kreativität und Initiative in allen Berei­chen. Sie werden unserer Region seit einiger Zeit im kulturellen Bereich auch von außen immer wieder bescheinigt. Umso schmerzli­cher vermißt man beides im wirtschaftlichen Bereich. Wie das eine für das andere fruchtbar gemacht werden kann, in welcher Wechsel­wirkung kulturelle Traditionen, Einstellungen und Verhaltensweisen mit zukunftsorientierten wirtschaftlichen Aktivitäten stehen, darüber lohnt es sich nachzudenken. Das Motto hierfür könnte dann lauten: "Vom stetigen Wandel des Vertrauten" - quer zu dem, was Walter Benjamin kritisierte, aber auch quer zu dem, was traditio­nelle Kulturpflege bewirkt. Hiervon ist, so meine ich, das, was die beiden Ostfriesland-Zeitschriften jeden Monat ihren Lesern präsentieren, gar nicht so weit entfernt - auch wenn die Editorials einen anderen Eindruck vermitteln.

 

Dr. Dirk Gerdes