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IFOK GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Netzwerk „Regionen der Zukunft“

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Protokoll der Fachveranstaltung

„Wertschöpfung in peripheren Räumen“

 Leinefelde, Thüringen, 4. Juni 2002

 

Ziele und Verlauf der Fachveranstaltung

Periphere Räume haben aufgrund ihrer strukturschwachen Wirtschaftsbasis, ihrer ländlichen Lage oder durch die Hinterlassenschaften monofunktionaler Landnutzungen oft nur begrenzte Möglichkeiten der Eigenentwicklung. Das Problem der Wertschöpfung spielt besonders in diesen Regionen eine wichtige Rolle und stellt die Regionen im Zusammenhang mit schwierigen Rahmenbedingungen vor besondere Herausforderungen. Auf der Fachveranstaltung sollten ebenso alte Strategien wie auch neue Trends der Wertschöpfung reflektiert werden.

Die Ziele der Veranstaltung waren:

  • Überblick verschaffen über die aktuellen Trends der Wertschöpfung
  • Eigene Erfahrungen reflektieren und austauschen
  • Feedback von Experten erhalten

Der Vormittag war geprägt durch den Impulsvortrag von Dr. Guido Nischwitz vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung/ Wuppertal, der einen breiten Überblick über Strategien und Trends der Wertschöpfung in peripheren Räumen gab. PD Dr. Dirk Gerdes, Regionales Pädagogisches Zentrum Aurich und Univ. Heidelberg, ergänzte diesen Einstieg durch das Fallbeispiel der Windenergie-Nutzung in Ostfriesland.

Im Anschluss daran widmeten sich die Teilnehmer am Nachmittag ihrem eigenen Erfahrungsaustausch und erhielten Anregungen und Hinweise von den Experten Dr. Nischwitz, Dr. Gerdes und Herrn Bergmann. Die Veranstaltung endete mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick, der den Fokus auf wichtige Punkte der Wertschöpfung legte.

 

 

Vorträge

 

Strategien und Trends der Wertschöpfung in peripheren Räumen (Dr. Guido Nischwitz, IÖW Wuppertal)

Ländliche Räume

Zur Begriffsklärung der sogenannten „peripheren Räume“ stellte Dr. Nischwitz fest, dass periphere Räume nicht gleichzeitig ländliche oder strukturschwache Räume seien. Es gibt unterschiedliche Typen peripherer, ländlicher bzw. strukturschwacher Räume, die sich durch unterschiedlich ausgeprägte Merkmale, wie Bevölkerungsdichte, Wirtschaftsstruktur, Arbeitsplätze, Infrastruktur etc. voneinander unterscheiden. Es ist ein Ost-West-Gefälle strukturschwacher Räume zu erkennen, das besonders durch die Abwanderungsentwicklung gekennzeichnet ist.

 

Rahmenbedingungen

Als Rahmenbedingungen für die Entwicklung strukturschwacher Räume dienen auf der EU-Ebene die Finanzierungsinstrumente der Strukturfonds und Gemeinschaftsinitiativen sowie die gemeinsame Agrarpolitik. Auf der Bundesebene nannte Dr. Nischwitz neben den Gemeinschaftsaufgaben und der Arbeits- und Sozialpolitik die Ressortspezifischen Förderprogramme und Wettbewerbe. Auf der unteren Ebene der Länder existiert die regionalisierte Strukturpolitik. Neben dem Einsatz mehr bzw. weniger erfolgreicher Fördermaßnahmen sei eine gewisse Wettbewerbsmüdigkeit zu erkennen. Ab 2007 falle die Förderung weg, formulierte Dr. Nischwitz und hinterfragte kritisch die Zukunft strukturschwacher Räume nach Wegfall der Förderung.

 

Handlungsfelder

Die klassischen Handlungsfelder in regionalen Entwicklungsprojekten sind im Bereich Tourismus und Landwirtschaft angesiedelt. Dr. Nischwitz betonte, dass besonders die Bereiche außerhalb dieser klassischen Handlungsfelder zur Wertschöpfung in den Regionen beitragen. Die Studie „Evaluierung guter Beispiele...“, die insgesamt 84 Projekte als gute Beispiele herausstellte, kam zu dem Ergebnis, dass in folgenden Bereichen ungenutztes Handlungspotential liegt:

  • Einbindung der Unternehmen/ der Wirtschaft,
  • Fördermittel – Hopping,
  • Viele Projekte, wenig multisektorale Rahmenkonzepte.

 

Strategien

Um Unternehmen langfristig in regionale Entwicklungsprojekte einzubinden, sollte deren Motivation eines Imagegewinnes berücksichtigt werden, damit Strategien zur Umsetzung erfolgsorientiert angelegt sind. Als Beispiele von Strategien regionaler Entwicklungsprojekte nannte Dr. Nischwitz den Landkreis Emsland, in dem zur Einbindung von Unternehmen Risikobereiche, wie Atomkraftwerke, ausgebaut worden sind. Im Landkreis Neumark wurden im Projekt „Jura 2000“  durch den Verein zur Regionalentwicklung Holzhandelprojekte gewonnen. Andere Projekte, wie „Vulkanland“ in Östereich oder „NinA“ im Landkreis Stendal, haben Unternehmen im Bereich von Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe erfolgreich einbinden können.

 

Perspektive

Die durch die Abkopplung von Fördermitteln veränderten Rahmenbedingungen der Wertschöpfung in peripheren Räumen, lassen einen spezifischen Bedarf in folgenden Bereichen erwarten:

  •  Pro-aktive Einbindung von Unternehmen,
  • Wissenstransfer – Aufbau von Kompetenznetzwerken,
  • Multisektorale Entwicklungsansätze (z.B. Landwirtschaft, Tourismus, Naturschutz, etc.):
    • Etablierung regionaler Wirtschaftskreisläufe,
    • Partizipation und Vernetzung.

 

Aus dieser Betrachtung entwickelte Dr. Nischwitz verschiedene Leitfragen im Zusammenhang mit der Regionalen Ökonomie:

  • Wo liegen die Ansatzpunkte für nachhaltiges Wirtschaften?
  • Wie schaffe ich zukunftsfähige Regionalentwicklung jenseits guter Einzelprojekte?
  • Wie kann ich Unternehmen ansiedeln, stärken und in regionale Entwicklungsprozesse einbinden?
  • Wie nabel ich mich erfolgreich von öffentlichen Fördermitteln ab?
  • Welcher Handlungsbedarf ergibt sich aus regionaler Sicht?

 

Diskussion

In der anschließenden Diskussionsrunde wurden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zentrale Punkte genannt, die einerseits wichtige Leitfragen formulierten und andererseits bereits Vorschläge für Strategien zur Wertschöpfung enthielten.

 

Leitfragen

  • Welche Möglichkeiten jenseits des flächenbezogenen Ansatzes einer Wertschöpfung gibt es?
    • Was kann in dem Zusammenhang nachhaltiges Wirtschaften sein?
    • Wer sind die relevanten Akteure?
    • Wie kann die Bevölkerung beteiligt werden?
    • Wie kann mit dem Bevölkerungsrückgang umgegangen werden?
      • Was macht man dann mit der Wirtschaft ?
      • Wie können sich Regionen von Fördermitteln abnabeln?

 

Strategien zur Wertschöpfung

  • Als weitere Möglichkeiten von regionalen Entwicklungsprojekten jenseits des flächenbezogenen Ansatzes im Zusammenhang mit nachhaltigem Wirtschaften wurden auch Strategien wie die EMAS-Verordnung der EU oder andere Umweltmanagementkonzepte aufgeführt. Die Schließung regionaler Wirtschaftskreisläufe ist demnach nicht die einzige Strategie regionaler Entwicklung.
  • Die soziale Verantwortung von Unternehmen spielt beim Aufbau von Kooperationen und Netzwerken eine entscheidende Rolle.
  • Damit der Bestand an Unternehmen in der Region gesichert ist, bedarf es teilweise einer „klassischen Wirtschaftsförderung“. Dabei darf der Aspekt der Nachhaltigkeit allerdings nicht unberücksichtigt sein.
  • Anstatt vieler kleiner Projekte in einer Region wird eine „Kernstrategie“ als sinnvoller erachtet, da eine „Verzettelung“ vermieden wird und die einzelnen Projekte aufeinander abgestimmt werden können.
  • Die Strategien zur regionalen Entwicklung müssen an den Akteuren vor Ort orientiert sein. Es sei entscheidend, den schon bestehenden Akteursbestand zu sichern und zu ergänzen sowie Neuansiedlung – auch durch administrative Initiative - zu unterstützen.
  • In diesem Zusammenhang übernimmt die Verwaltung eine neue Rolle: Sie führt die relevanten Akteure zusammen.
  • Neben der Einbindung von Unternehmen in regionale Entwicklungsprojekte zur Wertschöpfung der Region, trägt die Identifikation und Ansiedlung von arbeitsintensiven Betätigungsfeldern entscheidend zur Wertschöpfung bei.

 

 

Fallbeispiel: Windenergie in Ostfriesland (PD Dr. Dirk Gerdes, Aurich)

Bedeutung der Windenergie für Ostfriesland

 

Dr. Gerdes stellte zum Einstieg eine Auswahl wichtiger Wirtschaftsdaten und Kennziffern der Region Ostfriesland vor. Dabei betonte er, dass neben dem Fahrzeug- und Schiffsbau in Emden und Papenburg vor allem die Windenergie für die gesamte Region an Bedeutung gewonnen habe und offenkundig inzwischen auch einen zentralen Beitrag zur Stabilisierung der regionalen Wirtschaftsstruktur leiste. Trotzdem sei die Wertschöpfung durch den Fahrzeugbau in Emden nach wie vor dominant.

 Die rasant gewachsene wirtschaftliche Bedeutung des regionalen Windenergie-Herstellers ENERCON (www.enercon.de/home) lässt sich auch an der Haushaltsentwicklung der Kommunen Ostfrieslands erkennen: Die Stadt Aurich ist als Standort des Herstellers 2002 das einzige Mittelzentrum Ostfrieslands ohne Fehlbedarfsfinanzierung. Aber auch bundesweit gilt die Windenergie-Branche im Bereich der Energieerzeugung als vergleichsweise beschäftigungsintensiv: schon heute werden hier bei einem Anteil von etwa 8 % der Stromerzeugung bundesweit 35.000 Menschen beschäftigt. Die Stromerzeugung durch AKWs (31 % Anteil) sorgt dagegen nur für eine Beschäftigung von etwa 40.000 Menschen.

 

Voraussetzungen in der Region

Als eine wichtige Voraussetzung zur Etablierung dieses Wirtschaftszweiges nannte Dr. Gerdes das Verwaltungshandeln in den Gründerjahren des Herstellers Mitte der achtziger Jahre. Auf dieser Ebene wurde die Windkraft als innovative Chance für die Region erkannt, so dass die planungsrechtlichen Voraussetzungen für die Umsetzung der ersten Windparkprojekte des Windenergie-Herstellers geschaffen wurden. Man hatte sich bei den zuständigen Stellen in Verwaltung und Politik nicht den damals herrschenden Meinungstrends angeschlossen, die der Windenergieerzeugung keine Chancen zubilligten. Der 2002 erreichte Anteil von 60% Windenergie-Strom in Ostfriesland bedeutet regionale Wertschöpfung durch Importsubstitution und gleichzeitig auch eine Stärkung der Exportfähigkeit der regionalen Industrie.

 

Ansätze und Perspektiven

„In der Vielfalt liegt die Stärke“ kann als zentraler Grundsatz einer Diversifizierungstrategie für Regionalentwicklung herausgestellt werden. Diese Strategie steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu Strategien der cluster-Bildung durch Konzentration auf vorhandene Stärken. Für Ostfriesland würde letztere Strategie den weiteren Ausbau der Fahrzeugindustrie bedeuten. Dies würde die konjunkturelle und strukturelle Abhängigkeit der Regionalwirtschaft von einer Branche und einem Fahrzeughersteller gefährlich erhöhen, während der Ausbau weiterer "Standbeine", wie beispielsweise der Windenergie, stabilisierend wirken.

 

Fraglich ist auch die stabilisierende Wirkung einer einseitigen Ausrichtung von regionalen Wertschöpfungsstrategien auf eine Stärkung der (welt-)wirtschaftlichen Integration und Exportfähigkeit einer Region (Export-Basis-Theorem). Wie das Beispiel der Windenergienutzung zeigt, kann eine regionale Wertschöpfungsstrategie, die auf die Ersetzung (Substitution) von Importen, hier Energie-import, zielt, sehr erfolgreich sein. Ob Einkommen aus Exporteinnahmen in die Region fließen oder Einkommen wegen eingesparter und substituierter Importausgaben in der Region verbleiben, ist für die regionale Zahlungsbilanz zunächst einmal funktional äquivalent. Für die Diversifizierung und Stabilisierung der regionalen Wirtschaftsstruktur dagegen ist eine Verlängerung der regionalen Wertschöpfungsketten gerade auch durch Importsubstitution oft entscheidend.

Zugespitzt formuliert heißt das, dass eine Strategie der "selektiven Abkoppelung" in bestimmten Phasen der Regionalentwicklung gerade auch peripherer Regionen erfolgreicher sein kann als eine Strategie der forcierten Integration in größere Wirtschaftsräume.

 

Herausgestellt wurde weiterhin, dass flankierend zu diesen rein regionalwirtschaftlichen Prozessen auch regionalkulturelle Faktoren ein wichtiges endogenes Potential und eine zentrale Ressource für die Definition regionaler Entwicklungswege und die Nutzung noch verbleibender regionaler Handlungsspielräume darstellten. Die historische und landschaftskulturelle Bedeutung der Windenergie-Nutzung habe auch die Akzeptanz ihrer modernen Formen erleichtert. Regionale Identität fördere, so Dr. Gerdes, die Verständigung und Konsensbildung über Regionalentwicklung.

 

 

Erfahrungsaustausch

Als Grundlage für den Erfahrungsaustausch dienten folgende Arbeitsfragen, an denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachveranstaltung mehr oder weniger orientierten:

  • Welche Maßnahmen zur Wertschöpfung werden aktuell durchgeführt?
  • Was wird in Zukunft geplant?
  • Was waren die größten Erfolge bzw. Misserfolge?
  • Mit welchen Problemen sind Sie konfrontiert?
  • Wo/ bei welchem Problem oder Thema möchten Sie weiterkommen?

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten ausreichend Zeit, über ihre eigenen Erfahrungen in Form eines Statements zu berichten. Dabei wurden folgende Schwerpunktthemen als besonders wichtig benannt. Es handelt sich um jene Themen, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich gerne weiterführend austauschen möchten.

 

Projektfelder

  • Innerhalb der Regionen der Teilnehmer der Veranstaltung sind die Projektschwerpunkte im Bereich Tourismus, Landwirtschaft, Regionalvermarktung und Kultur- und Landschaftsentwicklung angesiedelt. Es gibt Ansätze, die Nutzung regenerativer Energien auszubauen.

 

Kooperationen

  • Um regionale Entwicklungsprojekte erfolgreich durchzuführen, werden Kooperationen mit Unternehmen vielfach als notwendig angesehen. Obwohl in der Region versucht wird, ein innovatives Klima zu fördern, fehlt es teilweise an Ansatzpunkten zur Kooperation, durch die Unternehmen zur Mitgestaltung von Projekten motiviert werden können. In diesem Zusammenhang wird das „Public Private Partnership“ genannt, das zu neuen Kooperationen zwischen dem Bereich der öffentlichen Verwaltung und der privaten Wirtschaft führen kann.
  • Nicht nur die Kooperation zwischen Verwaltung und Unternehmen wird als schwierig angesehen, auch der Austausch von Unternehmen untereinander ist ein zu wenig ausgebautes Handlungsfeld. Deshalb wird angestrebt, die Vernetzung von Unternehmen untereinander zu unterstützen.
  • Um Einzelprojekt-übergreifende Handlungsfelder aufzubauen, soll ein Zuliefernetzwerk innerhalb eines Städtenetzes etabliert werden.
  • Wegen einer größeren Kontinuität werden Kooperationen mit Hochschulen teilweise eher gesucht als mit Unternehmen. Dadurch wird versucht, Wissenschaftspotentiale vor Ort in Entwicklungsprojekte zu integrieren. Dabei tragen Projektwettbewerbe noch immer dazu bei, diese Kooperationen zu erzielen.

 

Ansiedlung von Unternehmen

  • Auch vor dem Hintergrund einer veränderten Förderkulisse und regionalisierter Strukturpolitik wird der ständigen und verstärkten Einbeziehung der Wirtschaft eine hohe Bedeutung zugesprochen. Es wird die Frage aufgeworfen, welchen Vorteil die Region von einer solchen Ansiedlung hat und welche neuen Wege zur Unternehmensansiedlung erfolgreich sind.

 

Einbindung der Akteure vor Ort

  • Die Strategie zur Umsetzung von regionalen Entwicklungsprojekten ist häufig auf die Akteure vor Ort abgestimmt. Dabei werden Impulse aus der Region aufgegriffen.
  • Um die Ressourcen vor Ort zu erkennen und zu nutzen, werden Schnittpunkte zu Nachbarregionen gesucht. Dadurch soll die Initiierung und Durchführung von gemeinsamen regionales Entwicklungsprojekten erreicht werden.
  • Mögliche Akteure vor Ort sind ansässige Verbände und Vereine. Besonders im Bereich Tourismus kommt es allerdings in manchen Regionen zu Zersplitterungen dieser Akteure untereinander, so dass die Nutzung dieses Potentials erschwert wird.

 

Identitätsbildung

  • Trotz der Einbindung der Menschen vor Ort in regionale Projekte ist die Identitätsbildung und der Bezug der Bevölkerung zu den regionalen Projekten problematisch. Als Grund für diese mangelnde Identifikation wird auch die zu geringe Vermittlung von Projekten und deren Inhalten an die Bevölkerung gesehen.
  • Als Voraussetzung zur Förderung von Identität in der Region müssen die regionalen Stärken erkannt und kommuniziert werden. Die Frage ist, was tatsächlich identitätsschaffend ist und wo die Stärken der Region liegen. Vor diesem Hintergrund wird ein „Identitätsmanagement“, eine "von oben" aufgesetzte Strategie der Identitätsbildung, als problematisch angesehen. Es wird davon ausgegangen, dass die Anknüpfung an vorhandene regionalkulturelle Einstellungen und Prädispositionen eher unterstützend wirken kann. Gerade in der "Provinz" seien diese Einstellungen oft zugunsten eines einseitig "zentralisierten Bewußtseins" (Gerdes) in den Hintergrund gerückt worden, was in der Regel lähmend auch auf Projekte der Regionalentwicklung wirke.
  • Zusätzlich wirkt sich der Abbau weicher Standortfaktoren, wie Theater oder andere kulturelle Tätigkeiten, negativ auf die regionale Identität aus.

 

Bündelung von Aktivitäten

  • Es wurde das Problem angesprochen, die zahlreichen Aktivitäten in einer Region zu bündeln. Es herrsche das sogenannte „burn out“ Syndrom bei den Akteuren vor Ort, die durch die Koordination der vielen Einzelprojekte überfordert oder wegen ausbleibender Erfolge und erkennbarer Synergien frustriert sind. Diese Stimmung sei auch innerhalb der Verwaltung zu erkennen.
  • Trotz fehlender Rahmenkonzepte wird von einigen Teilnehmern aufgrund der großen Anzahl kleiner Projekte insgesamt eine Wertschöpfung für die Region gesehen.

 

Veränderte Förderkullisse

  • Wie im Vortrag von Dr. Nischwitz angesprochen, wird ab dem Jahre 2007 von einer veränderten Förderkulisse ausgegangen. Trotz der erwarteten starken Einschränkungen in der Fördergeldlandschaft darf kein negatives Benchmarking“ betrieben werden. In diesem Zusammenhang werde es zu einer Neusortierung von Markt, Staat und Politik kommen, wobei der Staat verstärkt die Rolle des Moderators und Dienstleisters übernehme. Dadurch werden sich auch die Kernkompetenzen von Planern erweitern.
  • Wegen dieser neuen Rahmenbedingungen der Regionalentwicklung wird dem Erfahrungsaustausch innerhalb der Region und über die Regionsgrenzen hinaus große Wichtigkeit zugesprochen.

 

 

Feedback und Ausblick

Expertenfeedback

Nachdem die Teilnehmer ihre eigenen Themenschwerpunkte benannt hatten, wurden diese in der Feedbackrunde aufgegriffen und aus Expertensicht kommentiert. Es wurden folgende wichtige Punkte herausgestellt:

 

Wie kann man die regionale Identität stärken?

  • Die regionale Identität wird durch die Präsentation und Sensibilisierung der „Talente“ und Stärken der Region und die Einbeziehung der regionalen Kultur gefördert. Die Einbeziehung der regionalen Kultur wird zur entscheidenden Voraussetzung einer zukunftsorientierten Identität, machte Dr. Gerdes deutlich.

 

Was ist bei der Kooperation mit Unternehmen zu beachten? Wie holt man Unternehmen am besten mit ins Boot?

  • Dr. Nischwitz betonte, dass ein zügiges, zielorientiertes und professionelles Vorgehen eher der Kultur von Unternehmen entspricht. Deshalb bedarf es zur Kooperation mit Unternehmen heute einer professionellen und proaktiven Ansprache, bei der Ziele definiert worden sind und der Mehrwert für beide Parteien geklärt ist. Unternehmen können in sog. themenspezifische Cluster zusammengefasst werden. Dadurch werden Interessen gebündelt, so dass Unternehmen adäquat in Kooperationen zusammengeführt werden können. Dr. Nischwitz stellte heraus, dass eine „Leistungsschau“ der Region, also eine Selbstdarstellung der eigenen Stärken, Regionen für Unternehmen interessant machen. Die Schaffung eines Klimas von Wirtschaftsfreundlichkeit kann als Einstieg in eine solche Kooperation sinnvoll sein, unterstrich Dr. Gerdes. Die Wirtschaftsförderung könne in diesem Zusammenhang zum Anstoß der Kommunikation zwischen Verwaltung und Unternehmen dienen.
  • Erfahrungsaustausch, Netzwerkbildung und Unternehmens-Kooperationen können nach Dr. Nischwitz´ Einschätzung dann zielorientiert angegangen werden, wenn durch Wissenstransfer der individuelle Bedarf ermittelt worden ist. Darüber hinaus müssen Anlässe zu Kommunikation mit der jeweiligen Zielgruppe geschaffen werden.
  • Herr Bergmann hob hervor, dass gemeinsam zwischen Wirtschaft und Verwaltung Strategien zur regionalen Entwicklung bedacht werden müssen, da zukünftig auch die Fördermittel für Unternehmen eingeschränkt werden.
  • Damit auch die Motivation von Unternehmen zur Kooperation in Richtung sozialer Aktivitäten geht, muss entsprechend Herrn Bergmanns Ansicht eine unternehmerische regionale Perspektive bzw. regionale Identität entwickelt werden.
  • Generell betreffen projektbezogenen Kooperationen häufig kürzere Zeiträume, wogegen Kooperationen innerhalb größerer Netzwerke langfristig angelegt sind.

 

Wie gestaltet sich vor dem Hintergrund veränderter Fördermodalitäten die neue Rolle des Staates/ der Verwaltung? Was bedeutet das für die Regionalplanung?

  • Dr. Nischwitz, Dr. Gerdes und Herr Bergmann stellten heraus, dass der Staat vermehrt eine Moderatorenrolle einnehmen wird, um Akteure zusammenzuführen und dadurch vermehrt Dienstleistungsaufgaben zu übernehmen. Dabei ist es nach Dr. Gerdes auch entscheidend, sogenannten „Querköpfen“ eine Chance zu geben, innovative Ideen der Regionalentwicklung zu verwirklichen. Der Staat bzw. die Verwaltung entwickelt sich dadurch auch zu einem „Talentschuppen“, der das Know-how besitzt, das entsprechende Wissen und die benötigten Kompetenzen zu transferieren.
  • Die Regionalplanung schafft eine Wirtschaftsförderung über die individuellen Interessen hinaus durch themenspezifische Einbindung der wichtigen Akteure. Nach Herrn Bergmanns Einschätzung schafft sie im Zusammenhang mit den neuen Aufgaben von Bund und Ländern politische Rahmenbedingungen.
  • Dr. Gerdes hebt die Frage nach den Kompetenzen von Planern und anderen Akteuren der Regionalentwicklung hervor, die aufgrund der veränderten Förderkulisse entscheidend werden.

 

Blitzlicht

Zum Ende der Veranstaltung wurde in einem kurzen Blitzlicht Rückmeldung für den Tag gegeben. Trotz der kleinen Teilnehmerrunde wurde die Fachveranstaltung als interessant und konstruktiv erlebt.

 

Obwohl ein Erfahrungsaustausch als sehr wichtig angesehen wird, wird er – in den neuen Bundesländern – normalerweise zu wenig praktiziert. Die Fachveranstaltung begegnet in diesem Sinne dem Bedürfnis, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. In dieser Runde wurden wissenschaftliche Erkenntnisse gut mit dem Feedback aus der Praxis abgeglichen. Es wurden viele Probleme der Regionen zur Wertschöpfung angesprochen – dabei auch unterschiedliche regionale Schwerpunktthemen, für die Lösungen durch den Erfahrungsaustausch herausgestellt werden konnten. Diese müssen nun angepackt und umgesetzt werden. Die vielen Impulse haben deutlich gemacht, dass die Arbeit in den Regionen nicht ausgeht. Trotz der unterschiedlichen Schwerpunktthemen sind die Strategien der Regionalentwicklung sehr ähnlich. Das kann zu einem Wettlauf um die „richtige“ Strategie führen.

 

Es wurde noch einmal betont, dass der Bereich der Ökonomie im Projekt „Netzwerk der Regionen der Zukunft“ zwar keine herausragende Rolle spielt, die Zusammenarbeit mit Unternehmen allerdings die Voraussetzung für Wertschöpfung in Regionen sei. (Herr Bergmann, habe ich hier Ihre Aussage richtig getroffen?)

 

 

Hinweis auf Futuregio/ Gründungskonferenz

Wegen der Zusammenkunft mehrerer Vertreterinnen und Vertreter aus den Regionen wurde noch einmal mündlich auf die Gründungskonferenz von Futuregio am 29./30.10.2002 hingewiesen. Verwaltungstechnisch seien die Rahmenbedingungen für Futuregio und die Gründungskonferenz geschaffen. Allerdings fehle aufgrund des geringen Rücklaufs an verbindlichen Zusagen von Seiten der Regionen die Planungssicherheit. Im Gegensatz zu ursprünglich 20 Zusagen haben momentan nur zehn Regionen verbindlich ihre Teilnahme durch Einzahlung des Finanzierungsbeitrages offenbart.

 

Damit die Gründungskonferenz weiter geplant werden kann, wird darum gebeten, bis Mitte Juni verbindliche Zusagen zu machen. Frau Dr. Steffi Raatzsch vom Kommunalen Forum Südraum Leipzig ist weiterhin Ansprechperson für Futuregio.