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Soziale Bewegung / Neue Soziale Bewegungen

 

 

Soziale Bewegung / Neue Soziale Bewegungen

Überarbeitete Fassung meines Artikels in Dieter Nohlen, Florian Grotz (Hrsg.): Kleines Lexikon der Politik. Vierte, aktualisierte und erweiterte Auflage, München 2007 

 

Definition:

Der Begriff „Soziale Bewegung“ bezeichnet in der Politischen Soziologie einen organisatorisch nicht kontrollierten Prozess der kollektiven Abwendung von gesell­schaftlich institutionalisierten Werten, Normen oder Zwecksetzungen, dessen Trä­ger bzw. Akteure (grundlegende) Veränderungen (in) der bestehenden Gesellschaft anstreben.

 

Soziale Bewegungen werden also durch vier Elemente gekennzeichnet:

  1. Eine vergleichsweise geringe organisatorische Strukturierung,
  2. die prozesspolitische Offenheit bzw. Unbestimmtheit ihrer Entwicklungsdynamik,
  3. die zwischen „Lebenswelt“ und „System“ oszillierende Reichweite ihrer oppositionel­len Handlungsorientierungen und
  4. ihr voluntaristisches Handlungsmodell.

Diese Elemente bezeichnen zugleich die thematische Spannweite, in der die sozialwis­senschaftliche Literatur das Spezifische sozialer Bewegungen herauszuarbeiten versucht.

 

Zu 1. Geringe organisatorische Strukturierung

Die paradigmatische Dominanz von gesamtgesellschaftlich-strukturalistischen Modellen sozialen Wandels hat etwa seit der Jahrhundertwende eine Ausrichtung sozialwissen­schaftlicher Forschungsinteressen auf institutionalisierte, organisierte oder bürokratische Handlungssysteme befördert.

In der Politikwissenschaft zeigt sich dieses Interesse in der überwiegenden Beschäftigung mit regelhaften Prozessen der Willensbildung (Wahlen, Parlamentarismus), organisierten Formen der Interessenvermittlung (Verbände, Parteien) sowie institutionalisierter Politik­formulierung und Implementation (Regierung, Verwaltung).

Sofern soziale Bewegungen, dieser wissenschaftlichen Orientierung folgend, nicht von vornherein nur als unspezifischer Unterfall des Verbandswesens (vgl. von Beyme 1980: 83ff.; ähnlich der „resource mobilization“-Ansatz, vgl. McCarthy/Zald 1977) angesehen wurden, betonte die ältere Literatur - vor dem Hintergrund einer Dichotomisierung zwi­schen „kollektivem“ und „institutionellem“ Verhalten (vgl. Heinz/Schöber 1972) - einerseits die mangelnde Stabilisierung durch formale Organisiertheit als Charakteristikum und ande­rerseits den Zwang zu Organisation und Institutionalisierung als unausweichliche Per­spektive gesellschaftlich und politisch relevanter sozialer Bewegungen (vgl. Rammstedt 1978).

Die Beschäftigung mit den „Neuen Sozialen Bewegungen“ (Sammelbegriff für die im Ge­folge der Studentenbewegung gegen Ende der 60er Jahre aufgetretenen sozialen Bewe­gungen: Bürgerinitiativ-Bewegung, Anti-AKW-Bewegung, Ökologie-Bewegung, Friedens-Bewegung, Frauen-Bewegung etc.) hat die definitorische Festlegung sozialer Bewegun­gen auf das Konstitutionsprinzip informeller Interaktion relativiert (vgl. Rucht 1991; Rucht 1994; Rucht et al. 1997). Zur Kennzeichnung der organisationssozio-logischen Distanz zwischen sozialen Bewegungen und Verbänden/Parteien lässt sich gleichwohl Heberles (1951; 1967) klassische Präzisierung beibehalten, dass soziale Bewegungen zwar organi­sierte Bewegungsteile umfassen können, aber nicht in einer formalen Organisation aufge­hen (vgl. Raschke 1985: 205-214; Rucht 1994: 79 ff.; Raschke 1999: 69 ff.).

 

Zu 2. Prozesspolitische Offenheit ihrer Entwicklungsdynamik

Umstritten ist in der Forschung insbesondere die teleologische Perspektive, die die gesell­schaftliche Wirksamkeit einer sozialen Bewegung letztlich von einem erfolgreich bewältig­ten Prozess der organisatorischen Konsolidierung und institutionellen Integration „abwei­chenden Verhaltens“ abhängig macht.

Die Parteienforschung unterstrich diese Hypothese mit dem Hinweis auf die Bewegungs­ursprünge des heutigen Parteiensystems (von Beyme 1982: 25). Bewegungsnahe Sozial­forscher beharrten demgegenüber auf der selbstreflexiven Kontrollierbarkeit von Institutio­nalisierungsprozessen (Rucht 1984): Die neuen sozialen Bewegungen seien, anders als ihre historischen Vorgänger, auch bei wachsender gesellschaftlicher Resonanz kaum durch das Hervortreten charismatischer Führungspersönlichkeiten und durch programma­tische Vereinheitlichung als Vorstufe organisatorischer Zentralisierung und gesellschaftli­cher Institutionalisierung gekennzeichnet.

Eben diese Unentschiedenheit „zwischen Kultur- und Machtorientierung“, ihre „anti-hierar­chische Organisationsweise“ und ihre Abhängigkeit von „Medieneffekten“ werden anderer­seits als Ursachen für ein eingeschränktes „strategisches Handlungspotential“ Neuer So­zialer Bewegungen gesehen (Raschke 1999: 70). Die Kontrolle moderner, zweckrational organisierter Gesellschaften sei nur begrenzt im Rahmen dezentraler, basisdemokrati­scher Handlungszusammenhänge aufzubrechen (Wiesendahl 1989).

Die Auflösung der in diesen Kontroversen zum Ausdruck kommenden Differenz zwischen handlungs- und strukturtheoretischen Analysen sozialer Bewegungen durch prozesspoli­tisch orientierte Analysen der Produktion und Reproduktion sozialer Strukturen (Gerdes 1984; Giddens 1988; Görg 1994; Rucht 1994: 44 ff.; Roth 1999: 60) kann in diesem Zu­sammenhang als wissenschaftlicher Fortschritt gewertet werden.

 

Zu 3. Handlungsorientierungen zwischen „Lebenswelt“ und „System“

Die Wechselwirkungen zwischen kommunikativem Handeln und gesellschaftlichem Strukturwandel wurde in der Bewegungs-forschung lange Zeit vernachlässigt. In Anknüp­fung an frühe massenpsychologische (Le Bon), kultursoziologische (Weber) und elitenthe­oretische (Michels) Ansätze unterstrich die Forschung in einseitig systemrationaler Per­spektive zunächst den anomischen Spontaneismus (collective-behavior-Forschung), den mythisch-chiliastischen Irrationalismus (Mühlmann) oder den ideologischen Totalitarismus (Arendt, Heberle) sozialer Bewegungen (vgl. Hellmann 1999).

Entproblematisiert wurde die Dialektik von Produktion und Reproduktion sozialer Struktu­ren jedoch auch in Ansätzen, die die Neuen Sozialen Bewegungen lediglich aus der sys­temischen Perspektive eines gesamtgesellschaftlichen Wertewandels oder als kollektive Reaktion auf strukturelle Widersprüche des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses zu begreifen versuchten (Hellmann 1999: 96 ff.). Die Zwecksetzungen der Neuen Sozialen Bewegungen werden auf diesem Abstraktionsniveau schlüssig, aber plakativ und wenig aussagekräftig, in die gängigen Konstrukte sozialen Wandels eingepasst. (Zur Kritik dieser und anderer „rationalistische(r) Metadeutungen“: Japp 1984; Rucht 1994: 137 f.; Rucht/Roth 2008: 640).

Sowohl die prozesspolitische Entwicklungsdynamik sozialer Bewegungen generell als auch die in empirischen Untersuchungen (vgl. Huber 1980; Roth/Rucht 1987; Rucht 1994) wiederholt nachgezeichnete Heterogenität der (programmatischen) Motivationsbasis Neuer Sozialer Bewegungen machen es dagegen plausibler, zumindest solange von einer Gleichzeitigkeit lebensweltlicher Handlungsrationalisierungen und organisierter Zweckbe­stimmungen unterschiedlichster gesellschaftlicher Reichweite auszugehen, wie sich eine vereinheitlichende Zweckbestimmung programmatisch (noch) nicht durchgesetzt und or­ganisatorisch (noch) nicht ausdifferenziert hat (vgl. Gerdes 1984). Ist dieses Stadium je­doch erreicht, so wird nicht mehr von einer sozialen Bewegung, sondern von einer forma­len Organisation (Verband, Partei) zu sprechen sein (vgl. Rammstedt 1978).

 

Zu 4. Voluntaristisches Handlungsmodell

Der insbesondere den Neuen Sozialen Bewegungen zugeschriebene politische Volunta­rismus ist die logische Entsprechung der engen Rückkopplung organisatorischer Zweck­bestimmungen an die heterogene individuelle Motivationsbasis der in vielfältig vernetzten Einzelgruppen gebundenen Bewegungsakteure.

Diese verstehen sich nicht (mehr) als Vollzugshelfer scheinbar unausweichlicher gesamt­gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse, sondern als in konkreten Situationen jenseits und gegen organisierte(r) und machtbesetzte(r) Entwicklungslogiken Handelnde.

Hierin glaubten strukturalistisch oder politökonomisch orientierte Sozialforscher Theorie­feindlichkeit und die Wiederbelebung rechter (romantisch-gemeinschaftlicher), linker (anarchistischer) oder radikal Subjekt-orientierter Verweigerungstraditionen entdecken zu können (vgl. u. a. Evers/Szankay 1981; Brand 1989).

Inzwischen wird weithin eingeräumt, dass der thematisch „fluide“, situative politische Vo­luntarismus Neuer Sozialer Bewegungen mit strukturellen Transformationen „postfordisti­scher“ Industriegesellschaften (Brand 1987: 43) einhergeht, deren Eigentümlichkeit erst von den Neuen Sozialen Bewegungen, nicht aber von ihren traditionalistisch theoretisie­renden Kritikern ins öffentliche Bewußtsein gerückt wurden (Brand 1989: 138; vgl. auch Touraine 1978; Giddens 1993; Görg 1994). Die Auseinandersetzung mit diesen Wand­lungsprozessen sprengt den engen Rahmen herkömmlicher politischer Interessenvermitt­lung und konzentriert sich auf politisch relevante (Roth 1999 ff.), jedoch vielfach „latent“ bleibende dezentrale Netzwerke und soziokulturelle Handlungskontexte.

 

Literatur:

Beyme, K. von 1980: Interessengruppen in der Demokratie. München.

Beyme, K. von 1982: Parteien in westlichen Demokratien. München.

Brand, K.-W. 1987: Kontinuität und Diskontinuität in den neuen sozialen Bewegungen. In: Roth, R./Rucht, D., 30-44.

Brand, K.-W. 1989: Neue soziale Bewegungen - Ein neoromantischer Protest? In: Wasmuth, U. C. (Hrsg.): Alternativen zur alten Politik? Neue soziale Bewegungen in der Diskussion, Darmstadt, 125-139.

Evers, A./Szankay, Z. 1981: Das gerissene Band - Überlegungen zum neueren Verhältnis von so­zialem Wissen und sozialer Bewegung.
In: PROKLA 11, 43-60.

Gerdes, D.: 1984: „Verhalten“ oder „Handeln“? - Thesen zur sozialwissenschaftlichen Analyse so­zialer Bewegungen. In: Falter, J. u.a. (Hrsg.): Politische Willensbildung und Interessenvermittlung, Opladen, 645-654.

Giddens, A. 1988: Die Konstitution der Gesellschaft, Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt a.M./New York

Giddens, A. 1993: Tradition in der post-traditionalen Gesellschaft. In: Soziale Welt 44, 445-485.

Görg, C. 1994: Der Institutionenbegriff in der „Theorie der Strukturierung“. In: Esser, J./Görg, C./Hirsch, J. (Hrsg.): Politik, Institutionen und Staat. Zur Kritik der Regulationstheorie. Hamburg, 31-84.

Heberle, R. 1951: Social Movements. An Introduction to Political Sociology. New York.

Heberle, R. 1967: Hauptprobleme der politischen Soziologie, Stuttgart. (Deutsche Ausgabe von Heberle 1951)

Heinz, W./Schöber, P. (Hrsg.) 1972: Theorien kollektiven Verhaltens. Beiträge zur Analyse sozialer Protestaktionen und Bewegungen.
2 Bde, Darmstadt/Neuwied.

Hellmann, K.-U. 1999: Paradigmen der Bewegungsforschung. In: Klein, A./Legrand, H.-J./Leif, T. (Hrsg.): Neue Soziale Bewegungen. Impulse, Bilanzen und Perspektiven. Opladen/Wiesbaden, 91-113.

Huber, J. 1980: Wer soll das alles ändern? Die Alternativen der Alternativbewegung. Berlin.

Japp, K. P. 1984: Selbsterzeugung oder Fremdverschulden. Thesen zum Rationalismus in den Theorien sozialer Bewegungen. In: Soz.W. 35, 313 -329.

McCarthy, J. D./Zald, M. N. 1977: Resource Mobilization and Social Movements. A Partial Theory. In: American Journal of Sociology 6,
1212 ff.

Probst, L. 1993: Ostdeutsche Bürgerbewegungen und Perspektiven der Demokratie. Köln.

Rammstedt, O. 1978: Soziale Bewegung. Frankfurt/M.

Raschke, J. 1985: Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriß. Frankfurt a.M./New York.

Raschke, J. 1999: Machtwechsel und soziale Bewegungen. In: Klein, A./Legrand, H.-J./Leif, T. (Hrsg.): Neue Soziale Bewegungen. Impulse, Bilanzen und Perspektiven. Opladen/Wiesbaden, 64-88.

Roth, R. 1999: Neue soziale Bewegungen und liberale Demokratie. In: Klein, A./Legrand, H.-J./Leif, T. (Hrsg.): Neue Soziale Bewegungen. Impulse, Bilanzen und Perspektiven. Opla­den/Wiesbaden, 47-63.

Roth, R./Rucht, D. (Hrsg.) 1987: Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn.

Rucht, D./Roth, R. 2008: Soziale Bewegungen und Protest - eine theoretische und empirische Bilanz. In: Dies. (Hrsg.): Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch. Frankfurt a.M./New York, 635-668

Rucht, D. 1984: Zur Organisation der neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik. In: Fal­ter, J. u.a., 609-620.

Rucht, D. (Hrsg.) 1991: Research on Social Movements. The State of the Art in Western Europe and the USA, Frankfurt/M.

Rucht, D. 1994: Modernisierung und neue soziale Bewegungen, Frankfurt/M.

Rucht, D./Blattert, B./Rink, D. 1997: Soziale Bewegungen auf dem Weg zur Institutionalisierung. Frankfurt/M.

Touraine, A. 1978: La voix et le regard, Paris.

Wiesendahl, E. 1989: Etablierte Parteien im Abseits? Das Volksparteiensystem der Bundesrepu­blik vor den Herausforderungen der neuen sozialen Bewegung. In: Wasmuth, U. C. (Hrsg.): Alter­nativen zur alten Politik? Neue soziale Bewegungen in der Diskussion, Darmstadt, 82-108.